Eine Selbstreflexion über Achtsamkeit, Wahrheit und die drei Siebe des Sokrates.
Achtsamkeit im Augenblick. Sehr erstrebenswert. Ein guter Gedanke. Doch was bedeutet Achtsamkeit eigentlich in diesem Moment? Gerade ertappe ich mich dabei, dass ich unbewusst erlernte kommunikative Muster angewendet habe, die mir widerstreben. Es sind Muster, die ich loslassen möchte. Muster, mit denen ich mich nicht wohlfühle. Vielleicht ist genau das bereits Achtsamkeit. Nicht die Bewertung dessen, was gerade geschehen ist, sondern der Moment, in dem ich überhaupt wahrnehme, dass etwas geschieht. Präsenz im Augenblick. Ich sehe das Muster, während oder nachdem es sich zeigt, anstatt vollkommen unbewusst zu bleiben.

Mein Mind antwortet prompt mit einer plötzlichen Eingebung. „Die drei Siebe des Sokrates.“ Okay, sage ich mir, davon habe ich gehört. Das macht mich neugierig. Sie entsprechen einem ethischen Anspruch und scheinen auf den ersten Blick eine ziemlich gute Übung zur Reflexion zu sein. Oder soll es eine neue Konditionierung sein? Doch wie oft müsste ich sie anwenden? Wie oft verfällt man zurück in die angeeigneten Muster?
Puh, schon anstrengend, diese Siebe bei jedem Gesagten anzuwenden. Vor allem, bis ihre Anwendung irgendwann automatisiert ist. Wie sähe unsere Welt aus, wenn jeder Einzelne seine Gedanken durch diese Siebe schicken würde, bevor er sie ausspricht? Interessanter Gedanke, oder?
Gefilterte Gedanken. Gefilterte Energie. Die Verantwortung für die eigenen Gedanken zu übernehmen und sie auf ihren Gehalt zu prüfen, bevor man sie wirklich ausspricht und ihre Wirkung damit verstärkt. Worte sind Schwingungen. Vielleicht lohnt es sich, einen Moment hinzusehen, bevor wir unbedachte Schwingungen in Bewegung setzen.
;) Nach dem Gesetz der Resonanz kommt es irgendwann zu dir zurück. Also nutze deine Worte weise.
Diese erneute Lernerfahrung freut mich im Nachhinein, denn dieses Mal habe ich das Muster überhaupt erkannt. Vielleicht geht es genau darum, im Achtsamerwerden solche Konditionierungen Stück für Stück aufzulösen. Alte Muster infrage zu stellen und auch die eigenen Sichtweisen und Wahrnehmungsfilter einmal ordentlich zu reinigen.
Also zurück zu den drei Sieben und einer genaueren Betrachtung.


Das erste Sieb. Ist das, was du sagst, wahr?
Jetzt wird es interessant. Je unbewusster ein Mensch lebt und wahrnimmt, desto stärker braucht er sein bestehendes Weltbild, um darin sicher funktionieren zu können. Wird es durch eine unangenehme Wahrheit erschüttert, springt gewissermaßen das Sicherheitsbackup der eigenen Wirklichkeit an.

Alles, was nicht hineinpasst, wird so lange gebogen, umgedeutet oder neu sortiert, bis die vertraute Wirklichkeit wiederhergestellt ist. Plötzlich kann eine Lüge zur Wahrheit und eine Wahrheit zur Lüge werden. Besonders deutlich wird das bei Menschen, die ihre eigene Wirklichkeit unter allen Umständen aufrechterhalten müssen. Aus ihrer persönlichen Sicht heraus können sie fest an ihre Version glauben. Innerhalb ihrer Wahrnehmung ist sie wahr.
Ziemlich komplex, diese Sache mit der Wahrheit. In Wahrheit – ja, das Wortspiel muss sein – stelle ich mir Wahrheit und Lüge eher wie unterschiedliche Grade einer Skala vor. Nicht als zwei vollkommen voneinander getrennte Dinge. Je nachdem, von wo aus wir betrachten, verschiebt sich etwas in die eine oder andere Richtung. Ich greife dabei zunächst immer auf meine persönliche Wahrheit zurück. Doch meine persönliche Wahrheit ist nicht automatisch eine allgemeingültige Wahrheit.
Die Medien sind voll davon, nicht wahr? Wahrheit und Lüge gehen Hand in Hand. Zwei Pole derselben Sache, nur in unterschiedlichen Graden und mit ihrer jeweiligen Resonanz. Oft heißt es, die Wahrheit sei hart und unverblümt. Doch eine Lüge kann mindestens genauso schmerzhaft sein.
Sehr schmerzhaft sogar, wenn man angelogen wird, oder?
Eine Lüge kann der Versuch sein, einer Wahrheit aus dem Weg zu gehen und sich einem Thema oder Gedanken zu entziehen. Wahrheit kann bedeuten, die eigene Komfortzone zu verlassen. Und das kann unangenehm werden, weil wir uns innerhalb unserer vertrauten Wirklichkeit sicher fühlen. Überschreiten wir diese Grenze, kann etwas ins Wanken geraten. Gleichzeitig können wir genau dort wachsen und lernen.
Damit ist schon das erste Sieb kein neutrales Sieb mehr. Es hängt von der individuellen Wahrnehmung, dem Bewusstsein und vielen weiteren Faktoren desjenigen ab, der es benutzt.

Notiz: Mit wachsendem Bewusstsein kann sich ein beobachtender Bewusstseinszustand zeigen, wie er in unterschiedlichen Philosophien beschrieben wird. In dieser Haltung verliert die Frage, ob etwas wahr oder gelogen ist, ihre persönliche Bindung, weil die Identifikation damit gegen null geht.
Und hier ist mir eine Unterscheidung wichtig. Ein Gedanke, der in meinem Kopf auftaucht, ist nicht automatisch meine Wahrheit. Ich bin nicht meine Gedanken. Ein Gedanke kann kommen und wieder verschwinden. Er kann eine alte Erfahrung berühren, aus einer Konditionierung auftauchen oder durch eine Situation ausgelöst werden. Ich kann ihn wahrnehmen, ohne mich mit ihm zu identifizieren. Die Frage nach Wahrheit beginnt für mich deshalb an einer anderen Stelle. Was nehme ich innerhalb meiner gegenwärtigen Wirklichkeit tatsächlich als Wahrheit wahr? Aus welchem inneren Zustand heraus betrachte ich? Und wie sehr identifiziere ich mich mit dem, was ich dort sehe?
Notiz: Mir fällt gerade bewusst auf, dass Wahrheit und Wahrnehmung in unserer Sprache beide das Wort „wahr“ in sich tragen. Und plötzlich verknüpfen sie sich für mich miteinander. Wahrnehmung. Wahr nehmen. Ich nehme etwas als wahr. Spinne ich diesen Gedanken weiter, dann auch Wahr-heit. Nicht als sprachliche Herleitung, sondern als freie Assoziation: wahr und Einheit. Und da wären wir wieder. Die Wahrheit liegt in meiner Wahrnehmung. Meine Wahrnehmung der Wahrheit. Spannend.
Ich stelle mir unterschiedliche Bewusstseinsebenen ebenfalls wie verschiedene Skalen vor. Jede besitzt ihren eigenen Ausgangspunkt, ihre eigene Null. Was von einer Ebene aus vollkommen wahr erscheint, kann von einer anderen bereits ganz anders wahrgenommen werden. Würden wir beide mit demselben Maßstab vergleichen, könnte das eine plötzlich als Wahrheit und das andere als Lüge erscheinen. Subjektiv werden beide dennoch innerhalb ihrer jeweiligen Wirklichkeit anders erfahren.
Und dann kommt noch die Ehrlichkeit hinzu. Besonders die Ehrlichkeit mit sich selbst. Wie weit bin ich überhaupt bereit, ehrlich mit mir zu sein? Wie groß ist meine Bereitschaft, meine eigenen Grenzen zu überschreiten oder sogar zu sprengen? Vielleicht ist genau das eine wichtige Voraussetzung auf dem Weg zur inneren Wahrheit seiner selbst. Selbstverantwortung. Die Bereitschaft zu lernen und zu wachsen. Neugier auf das, was außerhalb der bisherigen Wahrnehmung liegt. Ein beobachtender Umgang mit den eigenen Emotionen.
Wahrheit als Sieb braucht plötzlich wesentlich mehr als die einfache Frage: Ist das wahr?


Und hier bleibe ich hängen.
Eigentlich wollte ich noch das zweite und dritte Sieb reflektieren. Doch je länger ich mich mit dem ersten beschäftige, desto fragwürdiger wird für mich das ganze System als allgemeingültige Methode. Es ist und bleibt individuell. Außer man legt vorab allgemeingültige Regeln fest. Was ist wahr und was ist nicht wahr? Was ist gut und was ist schlecht? Und genauso: Was ist notwendig und was nicht? Doch solch starre Regeln engen alles ein. Wachstum und Erkenntnis brauchen Raum, um sich zu entwickeln. Also bleibt es eine individuelle Betrachtung.
Wahr für wen?
Ist dann die Frage. Was innerhalb meiner Wahrnehmung vollkommen wahr ist, kann innerhalb deiner Wahrnehmung bereits falsch sein. Vielleicht empfindest du meine Wahrheit sogar als Lüge. Nicht unbedingt, weil einer von uns bewusst täuscht, sondern weil wir dasselbe durch unterschiedliche Perspektiven betrachten. Unsere Erfahrungen, Konditionierungen, Werte und Bewusstseinszustände sind nicht die gleichen.
Was für den einen eine Kleinigkeit ist, ist für den anderen eine große Sache. Traumata und Angstblockaden sind gute Beispiele. Zwei Personen werden unabhängig voneinander von einem Hund gebissen. Der eine hat sein ganzes Leben Angst vor Hunden, vermeidet sie und ihm bricht der Angstschweiß aus, wenn er es einmal nicht kann. Der andere macht die gleiche Erfahrung, entwickelt jedoch keine Angst vor Hunden. Vielleicht hat er später sogar selbst einen Hund. Ist es nicht alles individuelle Wahrnehmung? Und damit auch das, was für uns wahr ist?

Die Wahrheit in dir ist immer wahr. Wahr für dich.
Nicht weil sie eine allgemeingültige Wahrheit darstellen muss, sondern weil du sie innerhalb deiner Wirklichkeit als wahr erfährst. Ein anderer Mensch kann zur selben Zeit etwas vollkommen anderes erfahren. Und wenn das bereits beim ersten Sieb geschieht, brauche ich die beiden anderen eigentlich nur kurz anzusehen und die folgenden Fragen zu stellen.
Ist es gut? Gut für wen? Was ich für gut und hilfreich halte, kann für dich unangenehm, unpassend oder sogar schlecht sein.
Ist es notwendig? Notwendig für wen? Was für mich notwendig erscheint, kann für die andere Person vollkommen unnötig sein. Und etwas, das ich für nebensächlich halte, kann für einen anderen Menschen in genau diesem Moment von großer Bedeutung sein.
Plötzlich verändern sich die drei Siebe. Sie verschwinden nicht. Sie werden auch nicht wertlos. Als ethische Orientierung innerhalb der eigenen Wahrnehmung könnten sie weiterhin bedingt funktionieren, da sie sich stark am eigenen Weltbild, den eigenen Werten und der eigenen Ethik orientieren. Doch als allgemeingültiges System funktionieren sie für mich nicht mehr. Es sind individuelle Wahrnehmungsfilter. Mehr nicht.
Ich siebe meine Gedanken und Worte durch Filter, die wiederum aus meiner Wahrnehmung, meinen Erfahrungen, meinen Werten, meinem Bewusstsein und wahrscheinlich auch aus meinen Konditionierungen entstanden sind. Und das ist schon ein bisschen lustig. Denn ursprünglich wollte ich mithilfe der drei Siebe meine alten Konditionierungen überprüfen. Nun stelle ich fest, dass auch die Siebe selbst wieder zu einem neuen Filter meiner Wirklichkeit werden können. Filtern ist durchtränkt von meiner individuellen Wahrnehmung. Verrückt, oder?
Ich überprüfe meine Welt mit den Filtern, die innerhalb meiner Welt entstanden sind. Da kann ich lange sieben, um ein anderes Ergebnis zu bekommen. Außer ich reflektiere darüber und gewinne eine neue Erkenntnis. Eine neue Wahrnehmung. Doch dann kann ich auch direkt mein eigenes Weltbild, meine Werte und meine Wahrnehmungsfilter reflektieren. Ist das nicht wesentlich effektiver?


Der Wahrheitsbaum.
Nach einer Meditation erscheint mir dafür ein Bild. Wahrheit ist wie ein Baum. Jedes Blatt ist eine individuelle Wahrnehmung der Wahrheit. Jedes Blatt trägt seine eigene Wahrheit und ist innerhalb seiner Wahrnehmung wahr. Manche Blätter wachsen nah beieinander. Ihre Wahrheiten ähneln sich. Sie teilen vielleicht Erfahrungen, Werte oder Vorstellungen. Die Blätter wachsen an Ästen. Jeder Ast verbindet ähnliche Wahrheiten miteinander und bildet eine eigene Strömung. Vielleicht entstehen so Familien, Kulturen, Gesellschaften, Philosophien oder ganze Weltbilder. Wir sitzen gemeinsam auf einem Ast und glauben irgendwann, weil um uns herum so viele ähnliche Blätter wachsen, unser Ast müsse der Baum sein und die allgemeingültige Wahrheit.
Doch ein Ast ist nicht der ganze Baum.
Alle Äste treffen auf den Stamm. Der Stamm ist die Verbindung. Er trägt die vielen Verzweigungen, ohne selbst nur eine von ihnen zu sein, und führt hinunter zu den Wurzeln. Die Wurzeln reichen tief in die Erde. Auch sie verlaufen nicht auf einer einzigen geraden Bahn. Sie verzweigen sich, suchen unterschiedliche Wege, nehmen auf und geben dem Baum die Kraft, aus der wiederum Stamm, Äste und unzählige Blätter entstehen können.

Wie oben, so unten.
Verzweigt über der Erde. Verzweigt unter der Erde. Dazwischen der Stamm als Verbindung. Ein lebendiges Ganzes, das aus unzähligen Richtungen besteht und dennoch miteinander verbunden ist. Warum suchen wir dann in der äußeren Welt so verzweifelt nach der einen allgemeingültigen Wahrheit? Vielleicht ist genau das dieses ewige Narrenspiel um Wahrheit. Wir verteidigen unser Blatt, unseren Ast, unsere Sichtweise und vergessen dabei, dass wir nur einen Ausschnitt betrachten.
Vielleicht liegt die Wahrheit deshalb nicht darin, den richtigen Ast zu finden. Vielleicht besteht sie im ganzen Baum.
Und dann gibt es noch viele Bäume. Viele Arten von Bäumen.
Den weiteren Gedanken lasse ich in dir wirken.


Was bleibt von den drei Sieben?

Interessanterweise schließt sich der Kreis und ich stehe wieder am Anfang. Ich hatte mich dabei ertappt, kommunikative Muster zu benutzen, die mir widerstreben. Daraufhin suchte ich nach einem System, mit dem ich meine Gedanken und Worte überprüfen kann. Die drei Siebe können dabei hilfreich sein, wenn ich meine Wirklichkeit als Maßstab nehme. Vielleicht könnte ich sogar eine eigene Liste mit Regeln erstellen. Doch damit begrenze ich meine Freiheit und Leichtigkeit im Umgang mit anderen und beginne zu erstarren. Sollte ich nicht besser nachsichtig mit mir sein und anerkennen, dass ich mich in einem inneren Wachstumsprozess befinde? Und meiner Intuition vertrauen?
Diese Siebe führen mich zu meiner eigenen Wahrnehmung zurück. Ist das, was ich sage, innerhalb meiner Wahrnehmung wahr? Empfinde ich es als gut? Halte ich es für notwendig? Diese Fragen könnten mir beim inneren Wachstumsprozess behilflich sein. Doch als ständiger Maßstab für meine Wirklichkeit und Wahrnehmung werden sie zum Tor der Unsicherheit. Ich würde aufhören, mir selbst zu vertrauen und stattdessen einem neuen System anvertrauen, in dem ich beginne zu erstarren. Vielleicht brauche ich deshalb am Ende gar kein weiteres Sieb. Vielleicht reicht die Selbstreflexion und das Vertrauen darauf, dass ich es lerne und sinnbildlich nur die entsprechenden Muskeln bilden muss, bis das alte Muster immer mehr an Kraft verliert.
Entspricht das, was ich gerade sage und in die Welt gebe, tatsächlich mir?
Denn auch ein ethisch wunderschöner Filter bleibt ein Filter. Und vielleicht besteht Selbstreflexion nicht darin, die perfekte Sammlung neuer Filter zu erschaffen, sondern zu erkennen, durch welche ich überhaupt gerade schaue. Achtsamkeit hilft mir dabei, diesen Moment überhaupt wahrzunehmen. Sie entscheidet nicht darüber, was wahr ist. Sie lässt mich sehen, was gerade ist.
Und vielleicht führt mich genau diese Präsenz wieder zurück zu dem Moment, an dem dieser ganze Gedankengang begonnen hat. Ich habe ein altes Muster erkannt. Nicht mehr und nicht weniger. Doch indem ich es erkannt habe, kann ich es betrachten. Ich muss mich nicht damit identifizieren und ich muss es nicht weiterhin benutzen, nur weil es irgendwann einmal Teil meiner Wirklichkeit geworden ist. Vielleicht ist das bereits genug.
Wahrheit braucht kein Sieb, um allgemein wahr zu werden.
Sie braucht Selbstreflexion, um als die eigene erkannt zu werden.



